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Die Sprache der Hethiter
Akademische Antrittsvorlesung,
gehalten in Bern, den 29. Januar 1921
von
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Dr. A. Debrunner,
0. Professor für Klassische Philologie und Indogermanische Sprachwissenschaft
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Paul Haupt
Akademische Buchhandlung, vorm. Max Drechse' BERN 1921
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Nicht nur- das moderne Leben in all seiner bunten Mannig- faltigkeit kennt ein ,,Land der unbegrenzten Möglichkeiten", auch die Erforschung längst vergangener Jahrhunderte und Jahr- tausende weiß von einem solchen : es ist der vordere Orient.
Noch vor nicht allzu vielen Jahrzehnten waren die Dar- steller der Geschichte des alten Orients in der Hauptsache darauf angewiesen, die Nachrichten des Alten Testaments und Herodots über jene Gegenden wiederzugeben, zu kombinieren und je nach der Zeitströmung oder der individuellen Veranlagung anzustaunen oder anzuzweifeln. Erst die archäologische Erschließung Ägyptens und die Entzifferung der ägyptischen Schrift seit etwa 120 Jahren brachte eine entscheidende Wendung, und mehrere Jahrtausende der Geschichte jenes alten Kulturvolkes am Nil rückten aus der nebelhaften verschleierten Ferne in greifbare Nähe. Bald ver- mochten auch die Keilschriftdenkmäler aus dem Zweiströmeland ihre Geheimnisse nicht mehr festzuhalten, und vor den staunenden Augen der Forscher erstanden in lebensvoller Frische Sprache, Geschichte, Religion und Recht der semitischen Babylonier und Assyrer.
Aber noch klaffte manche große Lücke. Das Schema einer Geschichte des Altertums lautete nunmehr: Ägypter, Baby- lonier, Assyrer, Israehten, Meder, Perser, Griechen, Römer, eine Reihe, die wegen der mannigfaltigen Beziehungen der Glieder untereinander den Schein einer ununterbrochenen Kette erweckte. Es gab aber namentlich eine Stelle, wo man eine längere Ge- schichte staatlicher Gebilde ahnen konnte und voraussetzen mußte, ohne sich bestimmtere Vorstellungen machen zu können : das war Kleinasien, abgesehen von den griechischen Siedlungen an der Westküste. Man wußte eine ganze Anzahl von Stammes- namen • Phryger, Karer, Myser, Lyder usw. ; man durfte auch wenigstens den Versuch machen, den äußerst spärlichen Über-
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resteii der Sprache einzelner dieser Völker Anhaltspunkte fi^ir die allergröbste sprachhche Einordnung abzugewinnen. Ihre Staatengeschichte war vöHig dunkel: östliche Stämme bis zum Euphrat kannte man aus den Keiischriftdenkmälern als zeit- weilige Vasallen Assyriens; über das Lyderreich im westlichen Kleinasien begannen die ausführlicheren historischen Notizen eigentlich erst mit seinem Ende im Jahre 546 v. Chr., wo Krösus den aufstrebenden Persern und ihrem König Cyrus erlag. Endlich ließ sich aus ägyptischen und assyrischen Nachrichten schließen, daß die Hethiter eine Zeitlang ein größeres Reich in Kleinasien bildeten. Aber alle die vereinzelten Lichtlein vermochten in dem Dunkel, das über diesen Gegenden und Zeiten lag, nur gerade soweit schattenhafte Umrisse zu zeigen, daß das Verlangen nach einem weit stärkeren Licht immer lebendig erhalten wurde.
Heut^ ist begründete Hoffnung vorhanden, daß dieses Ver- langen seiner Erfüllung bald um einen beträchtlichen Schritt näher kommen wird. Und zwar sind es ausgiebige Funde in Boghazköi, der alten Hauptstadt des hethitischen Großreichs, einige Tage- reisen östlich von Angora, die uns ein großes Stück der Geschichte des östlichen Kleinasiens zu schenken versprechen.
I.
Der Name der Hethiter war von jeher bekannt. Neben einer Reihe anderer Völker, die die alten Israeliten bei ihrem Eindringen in das gelobte Land vorfanden, erwähnt das Alte Testament auch die Hethiter: Chittlm oder Söhne des Cheth. Aufzählungen wue „Hethiter, Amoriter, Kananiter, Pheresiter, Heviter, Jebusiter" (z. B. 5. Mose 20, 17) kehren häufig wieder. Das ist freilich so ziemlich alles, was wir dort erfahren: sogar über ihren Wohnsitz läßt sich aus dem Alten Testament weiter nichts erschließen, als daß sie im nördlichen Syrien gedacht sind. Auch die versprengten hethitischen Söldner Davids, wie z. B. sein Nachbar in Jerusalem, Uria, dem der König zum Tod in der Schlacht verhilft, um seine Frau zu bekommen, verraten uns nichts über ihr Volk.
Es war der Ägyptologie vorbehalten, uns zunächst weiter zu helfen. Unter den syrisch-palästinensischen Staatswesen, gegen die der Pharao Thutmosls III. in der ersten Hälfte des 15. Jhs.
V. Chr. zahlreiche Feldzüge unternahm, um sich das Durchgangs- land für den Handel zwischen Babylonien und Ägypten zu sichern, werden auch die CJieta genannt; ihre Hauptstadt Kadesch am obern Orontes (nördlich vom Libanon) wird von Thutmosis erobert. Daß diese Cheta mit den Chittim *des Alten Testaments gleich- zusetzen sind, unterliegt keinem Zweifel. Besonders anschaulich wird uns eine etwas spätere Episode aus den Kämpfen der Ägypter mit den Cheta vorgeführt i): Ramses II. besiegte die Cheta schon im 3. Jahre seiner Regierung, sah sich aber nach langen Kämpfen im 21. Jahre seiner Regierung (um 1290 v. Chr.) doch gezwungen, mit dem Chetakönig Chattuschil einen Vertrag und ein Bündnis zu schließen; das Dokument davon ist in ägyptischer Hieroglyphen- schrift auf dem Tempel in Karnak und in etwas anderer Fassung in babylonischer Keilschrift in Boghazköi erhalten. Das Bündnis wurde noch dadurch befestigt, daß Chattuschil persönlich seine Tochter zur Hochzeit mit Ramses nach Ägypten brachte.
Für die Zeit zwischen Thutmosis III. und Ramses IL treten ergänzend die sog. Amarna-Briefe hinzu, d. h. die in Tell-el-Amarna in Ägypten im \Vinter 1887/88 gefundenen Tontafeln mit Briefen babylonischer, assyrischer und anderer vorderasiatischer Fürsten und palästinensischer Vasallen und Beamten an den ägyptischen Hof; die Briefe sind fast alle in der damals, d. h. am Anfang des 14. Jhs., dort üblichen Diplomatensprache, dem keilschrift- lichen Babylonischen, abgefaßt und lassen erkennen, daß die Hethiter auf dem besten Wtege sind, das Erbe der zerfallenden Oberherrschaft der Ägypter in Palästina zu übernehmen.
Weitere Aufklärung haben die babylonisch-assyrischen Keil- schriftdokumente gebracht. Die Chatti, von deren Einfällen nach Mesopotamien hier viel berichtet wird, waren leicht mit den ägyptischen Cheta und den hebräischen Chittim zu identifizieren. Als Gesamtbild ergab sich aus all diesen Angaben etwa folgendes: seit der Mitte des 2. Jahrtausends stellen dte Hethiter im nördlichen Syrien eine starke Macht dar, die nach Süden und Osten Aus- breitung sucht, aber in wenigen Jahrhunderten ihre Großmacht- stellung einbüßt; die gewaltige Völkerwanderung um 1200 v.Chr., von der der Ansturm der sog. „Nordvölker" gegen Ägypten
') Roeder 7ff, Otto 223.
einen Teil bildet, hat wohl das Hethiterreich erdrückt. Die Reste finden in Karkemisch am Euphrat eine Zuflucht und erleben dort eine politische Nachblüte, bis sie etwa gegen Ende des 8. Jahrhunderts den Assyrern erliegen. 2)
Schon in den siebziger Jahren tauchten in Hamät am Orontes, später in Karkemisch am Euphrat, Inschriften von hieroglyphi- schemi Typus auf. Sie waren nicht ägyptisch, aber man hatte Grund, sie den Hethitern zuzuschreiben. 3) Da sie aber der Lesung und Deutung hartnäckigsten Widerstand entgegensetzten, konnten sie keine größere Tragweite gewinnen. Auch der neuere Versuch des Marburger Orientalisten Jensen, die Sprache dieser Hiero- glyphen als eine Vorstufe des Armenischen und damit als indo- germanisch zu erklären ^), wird allgemein als gescheitert betrachtet. Vorsichtiger geht der Engländer Cowley in seinem Lesungs- und Deutungsversuche zu Wege. ^) Ob sein Weg zum Ziel führt, darüber wird die Zukunft entscheiden müssen.
Die neueste Epoche der Erforschung der Hethiter nimmt ihren Ausgang von den deutschen Ausgrabungen in der Nähe des heutigen Boghazköi. Schon früh war man darauf aufmerksam geworden, daß Denkmäler desselben Stils wie die als hethitisch angesehenen nordsyrischen auch im östlichen Kleinasien (im Taurus- gebiet und in Kappadozien) vorhanden waren, und da sich an vielen Orten diese Denkmäler direkt oder indirekt mit Inschriften in jener Hieroglyphenschrift verbunden zeigten, so schloß man, die Hethiter seien auch im östlichen Kleinasien ansässig gewesen. 6) Es handelt sich um dieselben ungeschlachten Felsmonumente, von denen Herodot (II 106) aus dem westlichen Kleinasien zwei er- wähnt mit der Behauptung, es seien Bilder des ägyptischen Welt- eroberers Sesostris. Die Fundstellen in Kleinasien wiesen nament- lich auf die Ruinen einer großen Stadt in der Nähe von Boghazköi. Dort wurde nun von dem Assyriologen Hugo Winckler und dem Archäologen Otto Puchstein in den Jahren 1906 und 1907 nachgegraben, und selten ist eine wissenschaftliche Vermutung
'•') Otto 226f.
») Otto 192f.
4) „Hittitcr und Armenier" 1898.
^) Siehe das Literaturverzeichnis.
«) Ed. Meyer \^2, 696 f.
so glänzend bestätigt worden : sie hatten die Hauptstadt und die Königsburg des alten Hethiterreichs gefunden. Sie sollten leider beide die Entdeckerfreude nicht lange genießen ; bald raffte sie der Tod hinweg.
Neben dem reichen neuen archäologischen Material förderten die Grabungen auch' ein umfangreiches Tontafel-Archiv zu Tage. Es fanden sich darunter einige Urkunden in babylonisch-assy- rischer (oder wie man jetzt lieber sagt, akkadischer) Sprache und Schrift; ihre Lesung und Deutung bot daher den keilschriftkundigen Semitisten keine ungewöhnlichen Schwierigkeiten. Viel zahlreicher aber (über 20 000) waren Täfelchen in derselben Keilschrift, aber in anderer Sprache; offenbar hatte man hier die Landessprache, das Hethitische, vor sich.
Die Ausbeutung der Grabungsergebnisse von Boghazköi ist noch weit im Rückstand. Weniges ist veröffentlicht^), wenige Gelehrte haben Zutritt zu den Materialien in Berlin und Kon- stantinopel gehabt; der Krieg hat die wissenschaftliche Arbeit er- schwert und verzögert; der sog. Friede droht die weitere Ver- öffentlichung zu verunmöglichen. Die Ergebnisse der archäolo- gischen Funde, die naturgemäß am unmittelbarsten sprechen, sind in einer ersten Zusammenfassung von Eduard Meyer, dem hochverdienten Verfasser der „Geschichte des Altertums", zugänglich gemacht worden in einem Buch „Reich und Kultur der Chetiter", das 1914 in Berlin erschienen ist. Allein das archäologische Interesse ist in der Allgemeinheit stark in den Hintergrund gedrängt worden durch das geschichtliche und sprach- liche, und da der Drang nach reicherer Kenntnis der Geschichte der Hethiter erst befriedigt werden kann, wenn die Dokumente der einheimischen Sprache reden, so beherrschte bald das Problem der Sprache der Hethiter die ganze Öffentlichkeit, sobald aus einer Gelehrtenstube eine Erklärung des Keilschrift- hethitischen in die Welt hinaus trat. Hören wir etwas vom Echo, das diese Nachricht im Blätterwald hervorrief.
Jn den „Münchener Neuesten Nachrichten" vom 26. November 1915 spricht sich der Münchener Assyriologe Fritz Hommel
'^) Siehe Ed. Meyer 1^2, 696; dazu 4 Hefte „Keilschrifttexte aus Bo- ghazköi".
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folgendermaßen aus: „Der gestrige Tag (Mittwoch, 24. November 1915) wird in der Geschichte der indogermanischen Sprach- und Ahcrtumskunde einen Markstein bilden. An ihm gab Professor Dr. Friedrich Hrozny aus Wien in der Berliner Vorderasiatischen Gesellschaft die erste Zusammenfassung des ihm durch das Studium des Archivs von Boghazköi gelungenen Nachweises, daß die alte Sprache der Hethiter ein neues indogermanisches Idiom ist, und an dem gleichen Tage wurde die ebenfalls dieser Entdeckung gewidmete Nummer der Mitteilungen der Deutschen Orientgesell- schaft ausgegeben." Und gegen den Schluß des Artikels heißt es: „Über die Wichtigkeit der Entdeckung Hroznys ist nach all dem Gesagten kein Wort zu verlieren; sie ist epochemachend, wenn auch in ihrem Gefolge ganz neue Fragen und Probleme auf- tauchen. Kleinasien wird dadurch eines der interessantesten Länder der Welt, Kleinasien, auf das sich gerade jetzt aufs neue aller Blicke richten."
Ein Feuilleton der ,, Frankfurter Zeitung" vom 20. Januar 1916 (unterzeichnet G.) iiber ,,Die Sprache der Hettiter" beginnt so: Die Nachricht, daB es gelungen sei, die Sprache der Hettiter zu enträtseln, muß selbst in einer auf ganz andere Interessein eingestellten Zeit w4e eine Sensation wirken. Es muß die Phantasie seltsam reizen : ein großes Volk hat gelebt, ein Weltreich ge- gründet, eignen Geist in eigner Kultur entfaltet, war andern Führer und Vorbild, und es ist dahingegangen, ohne Spur, scheint es, ein paar Trümmerstücke, und nur sein Geist ist da, in Tausenden von Tafeln, mit Schriftzeichen bedeckt, und wir hätten seinen Geist, seine Kultur, seine Geschichte, wenn wir diese Rätselsprache zu deuten, jene Rätselschrift zu lesen verstünden. Und nicht anders mag jetzt die Kunde wirken : wir verstehen die Sprache Chettas, als einstmals die Nachricht, daß Champollion die Hiero- glyphen Ägyptens gelesen, oder daß Grotefend die ersten Keil- schriftzeichen der Behistun-Inschrift gedeutet. Und, um das Sen- sationelle der überraschenden Kunde noch zu erhöhen, das un- erwartete Ergebnis: die Sprache ist eine Indogermanensprache; und die scheinbar unentrinnbare Konsequenz: das Hettiterreich das erste Indogermanenreich der Weltgeschichte.
Wesentlich bedenklicher als in der Tagespresse lauteten vielfach die Beurteilungen .der Ergebnisse Hrozny 's in den kritischen
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Zeitschriften ^). Namentlich wurde man stutzig, als zwei hervor- ragende Kenner der indogermanischen Sprachforschung, Christian Barth olomae in Heidelberg^) und Gustav H e r b i g in Rostock ^ ') gegen H r o z n y ' s Sprachvergleichungen energisch Front machten. Heute ist die Besprechung der Frage zwar noch längst nicht zum Abschluß gekommen ; aber die Wag- schale neigt sich entschieden auf die Seite des indogermanischen Charakters des Hethitischen. Doch ich will nicht vorgreifen und lieber zunächst versuchen, Ihnen einen Begriff davon zu geben, unter welchen Bedingungen die Erforschung der hethitischen Sprache vor sich geht und welche Aussichten sie gewährt.
II.
Es ist sehr verständlich, wenn in dem angeführten Abschnitt des Feuilletons der „Frankfurter Zeitung" die Erschließung der hethitischen Keilschrift mit derjenigen der ägyptischen Hieroglyphen und der altpersischen Keilschrift in Parallele gesetzt wird, und dieser Vergleich ist berechtigt, wenn er sich auf die geschichtliche Tragweite bezieht; er ist aber durchaus schief, wenn er auf die Umstände und Hindernisse der Entzifferung und Deutung be- zogen wird.
Die Erschließung der ägyptischen Schrift ging von einer großen Steininschrift aus, die 1799 bei Rosette gefunden wurde und offenbar drei verschiedene Schriftgattungen enthielt; die eine, die griechische, war ohne weiteres lesbar und verständlich, die beiden andern durfte man als Wiederholungen desselben Textes betrachten, und der Gedanke lag nahe, daß. wenigstens die eine der beiden Fassungen die alte einheimische Sprache der Ägypter enthalte, die aus den sogenannten koptischen Bibeliibersetzungen und der sich daran anschließenden Literatur bekannt war. Die Schwierigkeit der Ent- zifferung lag darin, wie man jetzt riäckschauend leicht feststellen kann, daß ein Schriftsystem, wie das Altägyptische es hatte, nämlich eine eigentümliche Mischung von Bilderschrift und Buchstaben- schrift, bis dahin nicht bekannt gewesen war und daß man durch
8) Vgl. Otto 200.
9) Wochenschritt für klassische Philol. 1916, 67 ff, 262. 10) Deutsche Literatur-Zeitung 1916, 42Hf.
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die spätgriechische Schrift eines gewissen Horapollü, das die Hieroglyphen als eine geheimnisvolle Symbolschrift auffaßte, irre- geführt wurde. Die Lösung des Problems wurde schließlich da- durch ermöglicht, daß aus der Wiedergabe des griechischen Namens Ptolemaios in den ägyptischen Texten des Steins von Rosette der Lautwert einiger Zeichen festgestellt werden konnte. Damit war um 1820 der Bann gebrochen; nachher halfen der griechische Paralleltext und das Koptische weiter.
Eine Parallele aus neuerer Zeit bietet die Entzifferung ge- wisser Inschriften, die auf der Insel Zypern gefunden wurden. Auf einer doppelsprachigen Inschrift, deren einer Text ein les- bares und verständliches Phönizisch darstellte, konnte in den siebziger. Jahren des vorigen Jahrhunderts von der Schrift des andern Textes fast die Hälfte der Zeichen entziffert werden; Bilinguen mit gewöhnlichem Griechisch kamen bestätigend und ergänzend hinzu, und das Ergebnis war überraschend : die Sprache war griechisch, die Schrift aber eine Silbenschrift.
In manchen wichtigen Punkten sind bei der Keilschrift die Bedingungen und der Verlauf der Erschließung ganz andere als bei den ägyptischen Schriftgattungen. Auch hier war der Ausgangs- punkt eine trilingue, d. h. in drei verschiedenen Sprachen ab- gefaßte Inschrift; nur waren leider alle drei Schriftarten völlig unbekannt. Da konnte nur ein genialer Einfall helfen. Grote- fend erkannte 1802 in gewissen Zeichengruppen der einen Schrift- art, die glücklicherweise die einzelnen Wörter durch einen schräg- gestellten Keil abtrennte, die Namen zweier bekannter Könige des alten Perserreichs; die Übertragung der so gewonnenen Zeichenwerte auf den übrigen Text ergab einige 30 Jahre später starke Berührungen mit der Sprache der heiligen Bücher der Zoroastrier, dem Avestischen, und mit dem Mittel- und Neu- persischen : ein neuer altiranischer Dialekt, das Altpersische, war gefunden. Es war kein Zufall, daß die Bemühungen gerade hier Erfolg hatten : man war an das einfachste der Keilschriftsysteme geraten (es war eine fast ganz systematisch durchgeführte Silben- schrift). Natürlich war nun auch der Schlüssel für die andern Schriftarten der dreisprachigen Inschrift gegeben. Bald erwies es sich, daß die dritte Keilschriftgattung auch annähernd die- jenige zahlreicher Tonschriften aus Babylon war und daß die
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so gewonnene Sprache der Babylonier und Assyrer eine Schwester des Hebräischen und Arabischen, also eine semitische Sprache war.
Aber weitere Überraschungen standen bevor: aus der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (7. Jh. v. Chr.) kamen zahlreiche lexikalische und grammatische Tafeln zum Vor- schein ; da standen neben einander wie in unsern Wörterbüchern zwei Reihen von Wörtern, jeweilen das babylonisch-assyrische neben dem entsprechenden Wort einer vorher unbekannten Sprache; es gab auch Texte in dieser Sprache mit babylonisch-assy- rischer Übersetzung zwischen den Zeilen und dann immer mehr Dokumente in dieser Sprache allein. Diese neue Sprache wird heute sumerisch genannt; es ist die Sprache, fijr die wohl das Silbensystem, wie es die babylonische Keilschrift be- nutzt, erfunden w^orden ist.
Und hier tritt nun etwas Wichtiges ein, was uns bisher in unserm Überblick nicht begegnet ist: Alle Bemühungen, unter den bekannten Sprachen einen Verwandten des Sume- rischen zu finden, sind erfolglos geblieben, und trotzdem, ist das Sumerische verständlich. Das verdanken wir nicht nur den genannten Wörterbüchern und "Über- setzungen, sondern noch einem andern Umstand, der von dieser Seite betrachtet ein Vorteil ist, den sogenannten Ideogrammen : schon das Sumerische konnte manche Wörter statt durch die nötigen Silbenzeichen durch besondere Schriftzeichen wiedergeben, die jew^eilen nur den Sinn des betreffenden Begriffs darstellen sollten, eine Gewohnheit, die natürlich aus der altern Bilder- schrift herstammt. Wollten wir dieses Verfahren in unserer Schrift anwenden, so käme es so heraus: wir würden, statt h — a — u — s zu schreiben, mitten im geschriebenen Satz ein Haus zeichnen, wie es etwa unsere Fibeln tun ; oder aber, wir würden dieses Bild so vereinfachen und umgestalten, daß man kein Haus mehr darin erkennt, und doch wüßten alle Schreibkundigen, daß dieses Schrift- gebilde „Haus" zu lesen ist. Dieses eigentümliche Nebenein- ander und Durcheinander von Bildschrift und Lautschrift haben die Babylonier von den Sumerern übernommen und zw^ar ver- wenden sie nicht nur neue Sinnzeichen, sondern daneben auch die sumerischen Sinnzeichen und dazu noch lautlich geschriebene sumerische Wörter. Es ist also, wie wenn ich immer ,,Haus"
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lesen würde, aber 4 Schreibungen zur Verfügung hätte: 1. die deutsche Buchstabenschreibung h — a — u — s, 2. irgend ein im Deut- schen allgemein übliches Sinnzeichen, 3. die Buchstabenschreibung eines fremdsprachlichen Wortes für Haus, etwa des lateinischen d — o — m — u — s, 4. ein in jener Fremdsprache übliches Sinnzeichen. Die Sache ist nicht ganz so verrückt, wie sie uns anmutet; gibt es doch vereinzelt in modernsten Kultursprachen ähnliches: wir schreiben den Schnörkel ^ und lesen „Pfennig", einen andern Schnörkel (&) lesen wir ,,und", der Engländer schreibt viz. (= lat. videlicet) und liest „namely", er schreibt etc. und liest ,,and so on" ; wir schreiben m ^ oder auch □ m. und lesen ,, Quadratmeter" ; die Mathematik mit ihren Symbolen für Integral und Differential, für „gleich", „ähnlich" und „kongruent" usw. bietet weitere Beispiele. Nun, für das Sumerische hat diese Unbeholfenbeit des Babylonischen einen doppelten Vorteil : erstens ergibt sich für ein sumerisches Laut- oder Sinngebilde oft seine Bedeutung, wenn es in einem babylonischen Satz gebraucht wird; zweitens verdanken wir dieser Gewohnheit die babylonisch-sumerischen Wörterbücher: je zahlreicher die fremden Wörter und Bilder waren, um so notwendiger war für den babylonischen Schreiber und Leser ein Verzeichnis und eine Übersetzung davon, ein „Fremdwörterbuch" nicht für die gesprochene, aber für die ge- schriebene Sprache.
Wie dankbar wir für dieses Hilfsmittel sein müssen, das zeigt uns ein bekannter Fall, w^o sie fehlen : auch die tausende von Sprachdenkmälern der alten Etrusker können wir pracht- voll lesen, da ihr Alphabet aus dem griechischen abgeleitet ist; aber da nicht nur alle schon versuchten Anknüpfungen an andere bekannte Sprachen bisher versagt haben, sondern auch die un- gefähr 30 doppelsprachigen Inschriften ganz kurz und nichtssagend sind und Glossare fehlen, ist man leider immer noch darauf an- gewiesen, aus der Natur der mit Aufschriften versehenen Fund- gegenstände dürftige sprachliche Aufschlüsse herauszukombinieren.
Das Sumerische ist nicht die einzige nichtsemitische Sprache, die uns durch die babylonisch-assyrische Keilschrift erschlossen worden ist. Wie die Babylonier die Schrift von den Sumerern übernommen haben, so haben sie sie an eine ganze Anzahl anderer Völker weitergegeben: die Keilschrift ist ,,die Antiqua des alten
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Orients". Wer die lateinische Schrift kennt, kann auch Fran- zösisch, EngHsch, Tschechisch, Polnisch, Rumänisch lesen, nicht mit der richtigen Aussprache, aber doch lesen und mit Hilfe eines Wörterbuchs viele Wörter verstehen. So ist es mit der baby- lonischen Keilschrift. Sie ist gewandert nicht nur zu den Assyrern, sondern auch zum Volke der Mitanni, die im 16. und 15. Jh. V. Chr. in Mesopotamien ein Reich bildeten und deren Sprache aus den Amarnabriefen bekannt geworden ist^^); sie ist gewandert zu den Elamitern in Susa, in deren Sprache die erste Über- setzung der altpersischen Keilinschriften abgefaßt ist. Ja die alt- persische Keilschrift selbst ist ein letzter Ausläufer der baby- lonischen ; das erlaubte ja eben der Entzifferung, den Weg rück- wärts zu gehen von der vereinfachten altpersischen zur schwierigem babylonischen. Das Altpersische hat im Sprachenstammbaum längst seinen sicheren Platz gefunden ; über die Einordnung des Mitan- uischen und des Elamischen in die bekannten Sprachengruppen ist meines Wissens nach keineswegs ein Einverständnis erzielt.
III.
Vielleicht erwecke 'ich schon lange den Verdacht, mein Thema ganz vergessen zu haben. Dem ist nicht so; vielmehr stehen wir schon mitten im Verständnis der hethitischen Schrift, und das ist die erste unumgängliche Vorbedingung für das Verständnis des Problems der hethitischen Sprache. Das zeigte sich mit aller Deutlichkeit in den Urteilen der indogermanischen Sprachforscher über Hroznys Lösungsversuch. Hrozny hat leider in der Tat in den Vergleichungen indogermanischer Sprachen höchst dilettantisch gewirtschaftet; so konnten die Indogermanisten den Verdacht nicht los werden, auch seine Entzifferung und Deutung der hethitischen Texte sei mit ähnlichen Willkürlich- keiten verbunden. Dieser Verdacht kann nur durch einen Einblick in die Bedingungen, unter denen der Entzifferer von Keilschrift- texten überhaupt und von hethitischen im besonderen arbeitet, auf seine Berechtigung geprüft werden. Nachdem wir uns die Hilfsmittel der Keilschriftlesung im allgemeinen klar zu machen versucht haben, haben wir nun den Weg frei zur Behandlung
11) Ed. Meyer 132, 672.
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der Frage: worauf gründet sich die Erforschung der hethi- tischen Keilschrifttexte und welchen Grad der Sicherheit kann sie erreichen? Erst nachher kann die Stellung des Hethitischen zum Indogermanischen untersucht werden.
Zunächst sei daran erinnert, daß die hethitische Keilschrift mit der babylonisch-assyrischen verwandt ist, also ohne weiteres lesbar war; allerdings liest sich ein Keilschrifttext nicht so glatt wie ein Text in alphabetischer Schrift; namentlich erschwert die Mehrdeutigkeit mancher Keilschriftzeichen die Lesung; daher kommt es, daß die deutsche Umschrift von Eigennamen oft mit dem Fortschreiten der Forschung oder mit der Person der Forscher in einer Weise wechselt, die dem Nichteingeweihten ein unüber- windliches Mißtrauen einflößt — mit Unrecht; denn die Fälle, wo unter den Lesungsmöglichkeiten nur eine sinngemäß, also richtig ist, sind doch die Regel. Mit den Keilschriftzeichen haben aber die Hethiter auch die Verwendung von Ideogrammen und von lautlich geschriebenen Wörtern der das Schriftsystem liefernden Sprache übernommen. Die Tragweite dieser Tatsache will ich zu veranschaulichen suchen, indem ich aus Sprachen, die uns näher liegen als die altasiatischen, ein ähnliches Beispiel künstlich herstelle. Ich möchte also z. B. den deutschen Satz ,,Der Vater meines Freundes besitzt 4 Häuser" ungefähr nach hethitischer Manier schriftlich wiedergeben. Das würde etwa so herauskommen : pater meines cpiXo-j besitzt .... dann kämen 4 senkrechte Striche, ein Ideogramm für „Haus" und. die lateinische .Pluralendung -es. Ein Franzose oder Engländer oder Russe z. B., der vom Deutschen nichts wüßte, wohl aber Lateinisch und Griechisch könnte und dem dazu das Ideogramm für Haus bekannt wäre, der wäre ziemlich genau in der Lage des Semitisten, der hethitische Keil^ Schrift liest: er würde verstehen ,,der Vater des Freundes" und ,,4 Häuser"; ob er den Sinn der deutschen Wörter ,, meines" und ,, besitzt" herausbrächte, das würde davon abhängen, wieviel Kombinationsscharfsinn er besitzt, mehr aber davon, wie und wie oft diese Wörter in anderm Zusammenhang oder in andern Texten vorkämen. Im großen ganzen aber wird sich der Inhalt so ge- schriebener Texte dem Verständnis nicht allzu schwer erschließen, solange es sich um einfach stilisierte Aufzeichnungen etwa ge- schichtlicher Art handelt, nicht etwa um Erzeugnisse einer Kunst-
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poesie oder einer mehr oder weniger geheimnisvollen religiösen oder sonstigen Fachliteratur.
Der inhaltlichen Erschließung des Hethitischen kommt aber noch ein weiterer Umstand zugute: Versetzen wir uns in die Lage eines hethitischen Schreibers, der außer der Bedeutung der zahlreichen lautlichen Schriftzeichen noch die einer ganzen Anzahl von sumerischen Ideogrammen, von akkadischen Ideogrammen, von lautlich ausgeschriebenen akkadischen Wörtern kennen mußte, 90 werden wir glückliche und gewöhnlich undankbare Besitzer eines Lautalphäbets von nur zwei Dutzend Zeichen ihn nicht darum beneiden. Immerhin der Hethiter vor 3500 Jahren wußte nichts vom gehetzten Leben eines modernen Dampf-, Elektrizitäts- und Stenotypie-Menschen und konnte sich zum Schreiben und Lesen mehr Zeit lassen, und dabei leisteten ihm Verzeichnisse der fremden Wörter mit danebengesetzten hethitischen Ent- sprechungen genügende Dienste. Auch hierin setzen die Hethiter nur fort, was sie bei ihren Lehrmeistern, den Akkadiern, gefunden hatten ; auch diese hatten für die :aus dem Sumerischen über- nommenen Wörter Erklärungen nötig gehabt. Glücklicherweise sind nun von solchen hethitisch-fremdsprachlichen Wörterbüchern einige brauchbare Reste bei den Ausgrabungen zum Vorschein gekommen. Friedrich Delitzsch hat im Jahre 1914 in den Abhandlungen der Berliner Akademie die meisten veröffentlicht. Die Bruchstücke sind teils vierspaltig, teils dreispaltig. Von den vier Spalten enthält die erste das sumerische Ideogramm, die zweite dasselbe in Lautschrift, die dritte und vierte das sinn- entsprechende akkadische bzw. hethitische Wort; in den drei- spaltigen Vokabularresten fehlt die zweite, d. h. die fürs Hethitische unnötige Spalte. Eine ganz hübsche Reihe von Bedeutungen hethitischer Wörter haben uns diese Vokabulare beschert. Drei zusammenhängende akkadisch-hethitische Bilinguen sind weitere erwünschte Hilfsmittel i^^.
IV.
Also für das inhaltliche Verständnis der hethitischen Keil- schrifttexte eröffnen sich die glänzendsten Aussichten. Gilt dasselbe für die Erforschung der hethitischen Sprache? Hier muß leider
12) Forrer 1029.
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gesagt werden, daß alles, was uns für den Inhalt hilft, die Kenntnis der Sprache erschwert. Schon die Verwendung der Keilschrift ist von diesem Standpunkt aus gesehen mißlich. Auf Zypern können wir ja an den griechischen Inschriften in Silbenschrift mit Händen greifen, wie eine Silbenschrift eine indogermanische Sprache entstellt: Wenn wir da geschrieben finden ta po to Li ne, so könnten wir unmöglich wissen, daß wir tdv xto/.iv == Tr,v -oXtv zu lesen haben, wenn uns nicht sonst das Griechische in alphabe- tischer Schrift überliefert wäre. Das Silbenbezeichnungssystem der Keilschrift mag für die sumerische Sprache, für die es erfunden sein wird, nicht so ungeschickt gewesen sein, für semitische und indogermanische Sprachen war sie gewiß viel weniger geeignet. So gibt uns die keilschriftliche Schreibung nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von der Lautgestalt der hethitischen Wörter. Beim Altpersischen, wo ja auch eine indogermanische Sprache in Keil- schrift geschrieben wird, sind wir doch gegenüber dem Hethitischen weit im Vorsprung aus zwei Gründen : einmal haben die Perser die Keilschrift für ihre Zwecke wesentlich vereinfacht und nach klaren Grundsätzen systematisiert, während die Hethiter die Un- gleichmäßigkeiten und Mehrdeutigkeiten ihres Vorbilds einfach übernommen haben; zw^eitens erleichterten die schon bekannten nahen Sprach verwandten eine genaue lautliche Festlegung der alt- persischen Wörter, eine Glücksfügung, die beim Hethitischen völlig wegfällt.
Auch die Ideogramme, die im Hethitischen so zahlreich sind, stehen natürlich dem Eindringen in die hethitische Sprache im Weg. Jedes Ideogramm enthält uns ein hethitisches Wort vor. Allerdings kommt uns hier die Inkonsequenz der hethitischen Schreiber zu statten, indem ihnen gelegentlich für einen sonst ideographisch geschriebenen Begriff das hethitische Wort ent- schlüpft. Aber gerade für die geläufigsten Begriffe bleiben uns die hethitischen Wörter unbekannt, wenn wir sie zufällig nur im Ideogramm haben und sie in den Vokabularfragmenten fehlen.
Aus den dargelegten Verhältnissen läßt sich ohne weiteres abnehmen, in welcher Hinsicht die Aufgabe der künftigen hethi- tischen Sprachwissenschaft am schwierigsten sein wird: die Laut- lehre des Hethitischen wird nie den Grad der Genauigkeit er- reichen, den sie etwa im Griechischen oder im Sanskrit erreicht
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hat — es müßte denn sein, daß unerwarteter Weise irgendwo lautlich genauer geschriebene hethitische oder sprachlich nahe ver- wandte Texte ans Tageslicht treten. Sodann wird die Kenntnis des hethitischen Wortschatzes beträchtliche Lücken aufweisen, solange nicht z. B. weitere Vokabularfunde das gegenwärtige Material vermehren. Dagegen war von vornherein die hethitische Formenbildung ein sehr aussichtsreiches Forschungsgebiet, aus- sichtsreicher, als die Häufigkeit der Ideogramme erwarten läßt, und zwar infolge einer Eigentümlichkeit der Schreibung, über die wir mit Recht den Kopf schütteln : nicht nur an- das ideographisch sondern auch an das lautlich geschriebene fremde Wort kann die Endung der eigenen Sprache angehängt werden, beim Lesen soll aber das Wort ganz in der eigenen Sprache gelesen werden ; es ist also, wie wenn wir „soror-n^^ schreiben, aber ,, Schwestern" lesen würden. Ein Lateinkenner, der nicht deutsch kann, würde daraus schließen können, daß die Pluralendung des ihm unbe- kannten deutschen Wortes für soror ein -n ist. Auf diese Weise erhalten wir manche Auskunft über hethitische Flexionsendungen auch da, wo uns die hethitischen Wortstämme unbekannt sind; aus dem fremden Wort erfahren wir sofort, ob die angehängte hethitische Endung substantivisch oder verbal ist.
V.
Soviel über die Bedingungen und Aussichten der Erforschung der hethitischen Sprache. Was ist damit bisher erreicht worden ? Oder, was ungefähr dasselbe besagt: Hat Hrozny recht?
Bevor wir an die Beantwortung dieser Frage gehen können, müssen wir den Begriff „hethitische Sprache" genauer umschreiben. Der Einfachheit wegen habe ich bisher vom Hethitischen so ge- sprochen, als ob alle Boghazköitexte in derselben Sprache ab- gefaßt wären. Aber schon vor einigen Jahren hatten Hrozny und andere bemerkt i^), daß in den Boghazköitafeln mehrere ver- schiedene Sprachen vorliegen ; und seit dem Aufsatz von Emil Forrer in den Berliner Sitzungsberichten von 1919 ist die Sache auf einen soliden Boden gestellt.
•3) S. Otto 203f, Hrozny W.Z.K.M. 30 (1916/17), 214.. G. in der „Frankf. Ztg." vom 20. 1. 16.
Debrunuor, Die Sprache der Hethiter. 2
l;
Es erg'ibt sich, daß zwar die weit ijberwiegende Masse der Boghazköitexte in einer und derselben Sprache geschrieben ist, eben der, die man bisher als hethitisch behandelt hat und die wohl als die Landessprache gelten darf. Daneben finden sich einige wenige akkadische Dokumente, darunter das schon erwähnte Exemplar des Vertrags zwischen Ramses II. und Chattuschil. Dazu kommen die sumerischen Wörter in den Vokabularien. Über- raschenderweise tauchten auch einige arische, d. h. dem indisch- iranischen Sprachzweig angehörige Wörter auf. Wenn in der Nähe von Zahlzeichen für 3, 5 und 7 die Wörter:
tl- e - ra - wci - ar - ta- an - na
pa - an - za - \va - ar - ta - an - na
schä - at -ta- \va - ar - ta - an - na auftreten, so muß jeder, der einmal auch nur ganz wenig in das Sanskrit hineingeschaut hat, die altindischen Zahlwörter tri-, panca-, sapta- = 3, 5, 7 erkennen, und er wird es für sicher halten, daß auch in
a-i-ka-wa- ar -ta-an-na und
na- a-wa- wa- ar - ta- an- na die altind. Zahlwörter eka- ,,t\x\s" und /zöii^ß- 9 ,,neun" enthalten sind. Über die Bedeutung von -wa- ar -ta- an-na scheint noch keine Klarheit erzielt zu sein. Nach Forrer werden diese Wörter in den Fragmenten, in denen sie vorkommen (alle diese Fragmente gehören' zu einem Werk), als Termini der Pferdezucht be- zeichnet und zugleich übersetzt. Jedenfalls haben wir hier Lehn- wörter vor uns, die das Hethitische im Zusammenhang mit einer kulturellen Entlehnung aus einer arischen Sprache aufgenommen hat.
Die andern vier Sprachen verdanken wir einer und derselben Eigentümlichkeit gewisser ausführlicher hethitischer Festbeschrei- bungen; da heißt es mitten im hethitischen Text: ,,Der Sänger singt har - 11 - II oder La - d - i - li oder ha - at - ti - li oder pa-la- um-nl-li, und dann folgt bisweilen ein Stück in einer jedesmal wieder verschiedenen und mit dem Hethitischen nicht übereinstim- menden Sprache. Auf diese Weise konnte Forrer vier Sprachen feststellen; er nennt sie nach den Wörtern har-li-li usw., niit denen sie offenbar bezeichnet werden, Harrisch (dieses erwies sich als nahe verwandt mit dem Mitannischcn), Luvisch, Proto-
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hattisch und Balaisch. Natürlich wird man diese neuen Sprachen nach Heimat und Verwandtschaft genau untersuchen müssen. Auf was für Überraschungen wir uns dabei gefaßt machen müssen, das läßt eine Bemerkung Forrers ahnen: im Protohattischen bedeute binii das „Kind" (was wunderbar semitisch aussieht), aber lebinii die Kinder", le ibinu ,, seine Kinder", eine Bil- dungsweise, die weder semitisch noch indogermanisch ist. Forrers Ergebnisse sind in erfreulicher Weise bestätigt worden durch die vor einem Jahre geschriebene, aber erst vor ganz kurzer Zeit im Druck erschienene Abhandlung Hrozny's ,,Über die Völker und Sprachen des alten Chattilandes". Es steht nun fest, daß die Boghazköitexte unter „Hattisch", d. h. „Hethitisch", eine andere Sprache verstehen als die bisher als „Hethitisch" bezeichnete. Der Name Hethitisch war also falsch angewendet und muß künftig in Anführungszeichen geschrieben oder gedacht werden, bis der wahre Name der Hauptsprache von Boghazköi, in der über Vio der Texte geschrieben sind, festgestellt ist — was bisher nicht sicher gelungen ist. Möglicherweise hatte sie den Namen von einer Stadt Kanes, die F o r re r im westlichen Kleinasien, H r o z n y , wohl mit mehr Recht, in Küikien sucht. Die Bezeichnung /zö?-« - sclii -li, die sich einmal dafür findet, heißt wahrscheinlich ,,in unsrer Sprache", wie Hrozny vermutet; daraus würde folgen, daß die regierende Schicht im Boghazköireich — das sind doch wohl die Träger der Hauptsprache von _ Boghazköi — sich selbst nicht Chatti nannte !
VI.
Wir werden also inskünftig unter „Hethitisch" die Hauptsprache von Boghazköi verstehen. Ist diese Sprache indogerma- nisch? Bei der Festsetzung der Zusammengehörigkeit der indo- germanischen Sprachen haben die Zahlwörter und die Verwandt- schaftswörter hervorragende Dienste geleistet: beide Mittel versagen beim Hethitischen. Die Zahlen werden nicht in Worten, sondern in den keilschriftlichen Zahlzeichen ausgedrückt (Hrozny I, 92 ff.), und die Verwandtschaftswörter werden durch Ideogramme dar- gestellt, weil sie zu den alltäglichsten Wörtern gehören ; z. B. wird für „Vater" das akkadische abu, Gen. abi, gebraucht, von dem uns ein Verwandter, der neutestamentliche Gebetsruf ,,Abba, lieber
2*
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Vater", vertraut ist; so können wir leider die hübsche Reihe lateinisch pater = griechisch -aTV;p = altindisch und altpersisch piiä = deutsch ,, Vater" = armenisch hayr = altirisch athir nicht um das hethitische Glied vermehren; die hethitischen Texte sind sogar boshaft genug, uns nicht einmal die hethitische Endung an das akkadische Wort für ,, Vater" anzuhängen, wodurch wir doch sicher erfahren hätten, ob das Hethitische das allgemein indogermanische Wort *p9ter kannte.
Das Versagen der Zahlwörter und Venvandtschaftswörter braucht uns aber nicht mutlos zu machen. Sie sind zwar die handgreiflichsten beugen früherer Sprachgemeinschaft; aber sie sind doch ein Bestandteil des Wortschatzes, und der Wortschatz wandert bekanntlich am leichtesten zu sprachfremden Völkern. Gerade in unsern Dialekten sind einige der wichtigsten Verwandt- schaflsformen fremden Ursprungs: Papa, Mama, Neveu, Niece, Onkel, Tante; gewöhnlich allerdings widerstehen gerade Zahl- und Verwandtschaftswörter infolge ihres überaus häufigen Ge- brauchs fremden Eindringlingen am zähesten. Immerhin gibt es •zuverlässigere Führer beim Suchen nach Sprachverwandtschaft: die Bildung der Formen. Und damit sind wir am ent- scheidenden Punkt angelangt: in der Formenbildung des Hethi- tischen sind so zahlreiche unzweideutig indogermanische Züge gesichert, daß es unmöglich ist, drum herum zu kommen. Der Name des Königs Chattuschil hat im Nominativ die Endung -Isch, im Akkusativ -in; das erinnert an lateinisch turris tarrim, griechisch '^'A ö'.v, lateinisch ovls ovem, usw. Die entsprechenden Formen bei den «-Stämmen sind -usch-un; von dem Adjektivstamm i-da-a-lu- „böse" kommt auch das endungslose Neutrum i-da-a-Lu vor, so daß i-da-a-lu- asch, - an, - u eine genaue Ent- sprechung zum griechischen yjoüc; r^>w yjoü oder altind. svadiisch,-am, - ü „süß" bilden. Der gangbarste substantivische Stammausgang der indogermanischen Sprachen ist ein kurzes -o-; im Hethi- tischen finden wir zahlreiche Stämme auf -^;-(ein o scheint es im Hethitischen nicht zu geben), z. B. von an-tu-iili-sc}iu-,,,l^^nsc\i, Mann" heißt der Nom. Sg. an -tu- uh - sclid - asch, der Akk. Sg. an - tu-uh-schd-an; wer denkt nicht sofort an das griechische /.d-(o; Xo-fov, das lateinische liortus liortum usw. ? Jede einzelne dieser Form- verglcichungen wäre für sich allein nicht tragkräftig; aber je zahl-
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reicher die Ähnlichkeiten werden, um so mehr stützen sie sich gegenseitig; es gibt aber auch Einzelheiten, bei denen ein Zufall ausgeschlossen ist: ,, Wasser" heißt im Nom. und Akk. wa- a-tar, im Gen. d-e-te - na-asch (etwa watar wetenasch zu sprechen); nun wissen wir, daß im Indogermanischen das Wort für „Wasser", wie einige andre Neutra, gerade im Nom. -Akk. Sg. ein /"-Stamm, in den andern- Kasus ein ^/-Stamm war; beide Stämme sind in den germanischen Sprachen vertreten, der Az-Stamm im Gotischen wato, Gen. watins, der /--Stamm noch heute in unserm ,, Wasser", im englischen water.
Ich muß selbstverständlich darauf verzichten, in derselben ein- gehenden Weise die Flexion der hethitischen Pronomina und Verba durchzugehen, zumal natürlich über zahlreiche Einzelheiten noch längst nicht eine genügende Sicherheit erreicht ist. Nur auf das Frappanteste will ich noch kurz hinweisen : „ich" heißt ugga oder ähnlich, vgl. lat. ego, ,,wer" heißt ka-isch = lat. qais, ,,was" kii-it = lat. quid. Besonders schön stimmen einige Verbal- endungen, die wir als indogermanisch kennen: heth. i-ia-mi'^^) ,,ich mache", vgl. altind. yci-mi^^) ,,ich gehe", „ i-ia-schi „du machst", vgl. altind. yä-si „du gehst", ,, i-ia-zi ,,er macht", vgl. altind. yä-tl „er geht", ,, i-ia-an-zl ,,sie machen", vgl. altind. yä-nti „sie gehen", „ u-i-ia-ad-du „er soll machen", vgl. altind. yä-ta „er
soll gehen", „ i-ia-an-du ,,sie sollen machen", vgl. altind. yä-titu ,,sie sollen gehen".
VII..
Diese Proben werden genügen, um klar zu machen, daß wir hier unzweifelhaft indogermanisches Sprachgut vor uns haben. Also wirklich eine indogermanische Sprache aus der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.? — die Schlußfolgerung scheint selbst- verständlich zu sein, und wer könnte dafür dankbarer sein als der Indogermanist, wenn ihm plötzlich in Tausenden von Do- kumenten eine neue indogermanische Sprache geboten wird, auf-
^*) Die Stämme sind jedenfalls nach Herkunft und Bedeutung verschieden, aber die Flexion stimmt überein.
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gezeichnet mehrere Jahrhunderte, bevor die Griechen und die Inder schreiben konnten? Leider ist die Lösung nicht so glatt, wie man wünschen möchte. Nicht vergebens haben die Indo- germanisten der Entdeckung H r o z n y s stärkstes Mißtrauen ent- gegengebracht; hätte das Hethitische den Vorstellungen, die man sich von einer indogermanischen Sprache des 2. Jahrtausends machen mußte, einigermaßen entsprochen, die Indogermanisten hätten mit beiden Händen zugegriffen. Statt dessen fand man neben den klaren indogermanischen Zügen des Hethitischen eine solche Unmenge gänzlich fremdartiger Bestandteile in der Formen- bildung und namentlich im Wortschatz, daß auch der Glaube an die Indogermanismen keinen Fuß fassen konnte. Heute, wo Hroznys Lesungen zu einem guten Teil an den publizierten Originalen nachgeprüft und im Ganzen als zuverlässig befunden sind, lautet die Frage nicht mehr: ,,Ist das Hethitische indo- germanisch oder nicht?", sondern: ,,Wie stark ist der indoger- manische Einschlag im Hethitischen?" und ,,wie erklärt sich die Mischung von Indogermanischem und Nichtindogermanischem ?" ^^) Das Bild, das sich die Indogermanistik vom Urindogermanischen und von den ältesten Zuständen einer indogermanischen Einzel- sprachc erarbeitet hat, bleibt bestehen; nur müssen wir uns end- gültig von dem viel bekämpften und noch nicht ganz über- wundenen Vorurteil losmachen, als hätte jeder indogermanische Stamm in jenen alten Zeiten seine Sprache in einsiedlerischer Abgeschlossenheit bewahrt und rein für sich weiterentwicl^elt, als seien Mischsprachen wie das Jiddische oder das Slavoitalienische oder das Pidgin-English der Chinesen ein Vorrecht neuerer Jahr- hunderte. Gerade die Funde in Boghazköi haben uns aufs neue zu Gemüte geführt, daß wir uns die sprachliche Mannigfaltigkeit des alten vordem Orients kaum bunt genug vorstellen können. Der Erschließung der Boghazköitexte muß es zunächst vorbe- halten bleiben, diese sprachlichen Verhältnisse und die zu. Grunde
■■''') Damit ist auch der norwegische Assyriologe Knudtzon gegen die Zweifler und Bcstrciter (Iid. Meyer 1^2, 697) zu seinem Recht gekommen: die zwei sog. Arzawa-Briefe, gefunden in Tell-el-Amarna und vom ägyptischen König Amenophis 111. an einen kleinasiatischen König gerichtet, sind, wie Knudtzon vermutet hatte, hethitisch. Vgl. Delitzsch 41, Otto 198, Huck, Class. Philol. XV (1920) 183, Cowley 41f.
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liegenden Völkergruppierungen und geschichtlichen Vorgänge auf- zuhellen. Sprachmischung ;setzt engste Berührung zweier Sprachen voraus, sei es durch langes mehr oder weniger friedliches Neben- einanderwohnen der Sprachträger, sei es durch Besiegung eines Volkes durch ein andres. Der sprachliche Befund im Hethitischen legt die Vermutung nahe, ein indogermanisches Volk habe von einem andern den Großteil des Wortschatzes und eine Reihe von Formenbildungselementen übernommen ; jedenfalls ist die um- gekehrte Möglichkeit, daß ein nichtindogermanisches Volk von einem indogermanischen gerade vorwiegend Endungen entlehnt hätte, äußerst schwach. Unmöglich ist aus dem rein sprachlichen Tatbestand heraus zu entscheiden, ob das beteiligte indogermanische Volk das siegreiche oder das unterlegene war. Wenn wir auch gerade heutzutage nicht um Beispiele verlegen sind, wo der Sieger seine Sprache dem Besiegten aufzuzwingen sucht, so liegt uns doch in der Übernahme des Lateinischen durch die siegreichen Franken und Burgunder in Frankreich und der Westschweiz ein Gegenbeispiel zeitlich und örtlich noch nahe genug, um uns vor einer voreiligen Verallgemeinerung, dieser Todsünde aller Wissen- schaft und aller menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit über- haupt, zu bewahren. Es empfiehlt sich also abzuwarten, ob die historischen hethitischen Texte die Entscheidung bringen. ^^)
Eine brennende Frage bleibt für den Indogermanisten noch übrig: „Wie ordnen sich die indogermanischen Bestandteile des Hethitischen in die übrigen indogermanischen Sprachen ein? Zeigen sie besondere Beziehungen zu einer der andern indogermanischen Sprachen ?" Die indogermanischen Sprachen teilen sich nach der verschiedenen Behandlung der fürs Urindogermanische festgestellten drei Reihen von ^-Lauten in zwei große Gruppen, eine östliche, bestehend aus dem Indisch-Iranischen, Armenischen, Baltisch- Slavischen und Albanesischen, und eine westliche, bestehend aus
16) Forrer nimmt ohne weiteres an, die siegreichen Hethiter seien Indo- germanen gewesen. Auch der Charakter der sog. hethitischen Hieroglyphen bedarf weiterer Untersuchung; Forrer S. 1040 glaubt sie den Harri zu- sprechen zu müssen. Vgl. Otto 195 f, 199, 201. Verfrüht ist auch der Ver- such, die nicht-indogermanischen Bestandteile desHethitischen an andere Sprachen anzuknüpfen. Verbindungen mit dem Lydischen und Etruskischen, wie sie Marstrander nachzuweisen sucht (ähnlich z. T. schon Hrozny), wären allerdings verführerisch.
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dern Griechischen, Lateinischen, Germanischen und Keltischen. Das Hethitische Hegt geographisch mitten in der östHchen Gruppe. Aber schon die unbezweifelbare Gleichung hethitisch kuisch ^= lateinisch quis beweist zur Genüge, daß das Hethitische nicht zur östlichen Gruppe gehört, da diese durchweg den labialen Beiklang der indogermanischen ^^/-Laute verloren haben. Dieses Ergebnis war allerdings nicht so sensationell wie man erwarten sollte; denn noch sind nicht viel mehr als zehn Jahre verflossen, seitdem man eine viel größere Überraschung erlebt hatte: auch die indogermanische Sprache der ehemaligen Tocharer in Chinesisch-Turkestan, von der man bis 1892 keine Ahnung gehabt hatte, gehörte, wie die nähere Untersuchung zeigte, nicht zu der östlichen Gruppe der indogermanischen Sprachen. Wenn ich recht sehe, ist es vorsichtig, dieser negativen Feststellung über das Hethitische wie über das Tocharische die positive Behauptung, sie gehörten der westlichen Sprachgruppe oder gar speziell der italisch-keltischen an, nicht folgen zu lassen. Einzelheiten würden hier zu weit führen. Jedenfalls möchte ich bis auf weiteres die Möglichkeit offen lassen, daß die beiden bisher angenommenen indogermanischen Gruppen nicht die einzigen waren und wir vielleicht einmal eine dritte Gruppe anfügen müssen, die sich durch eine von beiden abweichende Behandlung der ^-Laute ab- heben würde.
Die neuen Erkenntnisse bringen auch beim Hethitischen neue Fragen mit sich. Ich bin mir wohl bewußt, daß mein Überblick recht viel Unbefriedigendes hat und daß zahllose Probleme übrig bleiben. Meine Absicht war es nicht, eine der heute so beliebten „restlosen Lösungen" zu bieten, sondern lediglich für mich und vielleicht auch für andre in einem abseits gelegenen, aber nicht reizlosen Gebiet eine allgemeine Orientierung zu gewinnen ^"). Aus seinem eigenen Fach gewinnt der Indogermanist diesen Einblick nur zum geringsten Teil; die Entzifferung des Hethitischen ist vollkommen Aufgabe des keilschriftkundigen Orientalisten; auch
''^) Gerne bekenne ich, daß sich auch mir der Einblick in das Problem der Hethitersprache nur durch die Freundlichkeit meines orientalistischen Kollegen Ungnad in Greifswald erschlossen hat.
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bei der Deutung der Texte kommt dem Indogermanisten nur der Anteil zu, der dem indogermanischen Bestandteil des Hethi- tischen entspricht. Und doch kann man es ihm nicht verargen, >xenn er sich die fiir ihn so seltene Gelegenheit, Neuland zu be- treten, nicht entgehen läßt.
Die Lage der orientalischen Sprachwissenschaft war schon früher keine glänzende; Ausgrabungen und Veröffentlichungen erforderten gewaltige Mittel; von den wenigen Lehrstiihlen hatten wenige das notwendige Studienmaterial zur Verfiigung. Heute, wo die Entwertung des Geldes, die besondere Verteuerung des Buch- drucks und die politischen Hindernisse hinzukommen und wo der neue Reichtum die Nachfolge des alten in der Förderung der Wissenschaft noch nicht angetreten hat, kämpft die Orientalistik mit den schlimmsten Erschwerungen. Hoffen wir, daß die viel- versprechenden Knospen der Hethitologie den Frühlingsreif über- leben und bald von warmer Maienluft zu blühendem Leben erweckt werden. Wohl hat unsere Zeit näherliegende Aufgaben in Hülle und Fülle; aber neben den Unerbittlichkeiten der Gegenwart, ja gerade i n ihnen hat das freie Spiel des Geistes seine Daseinsberechtigung, auch wenn er ,,nur" menschliches Ge- schehen in vergangenen Jahrtausenden erforscht.
Bibliographischer Anhang.
1. Zusammenfassende Darstellungen.
Eduard Meyer, Geschichte des Altertums. 1. Band, 2. Teil.
3. Aufl. Stuttgart 1913. Eduard Meyer, Reich und Kultur der Chetiter. Mit 122
Abbildungen im Text und auf 16 Lichtdruck-Tafeln. Berlin
1914. Otto Weber, Umschau 1916, S. 248 ff. Walter Otto, Die Hethiter. (Histor. Zeitschrift 117, 1917,
S. 189 ff.) Die beste allseitige Zusammenfassung und kritische
Bearbeitung der früheren Ergebnisse. Günther Roeder, Ägypter und Hethiter. Mit 30 Abbildungen.
(Der Alte Orient. 20. Jahrg.) Leipzig 1919. A. E. Cowley, The Hittites. (Schweich Lectures 1918.) London
1920. (I. History. II. Race. Language. III. Decipherment
of the Hieroglyphic Inscriptions.) Th. Kluge im Literar. Zentralbl. 1920, 354 f., 373 f. (über Hrozny,
Marstrander, Roeder). M. Sayce, The Hittite Language of Boghas Keri. (Joum. Roy.
As. Soc. Januar 1920).
2. Textausgaben.
Keilschrifttexte aus Boghazköi, herausgegeben von Figulla, Weidner, O. Weber und Hrozny. 4 Hefte. Leipzig 1916—1920.
3. Zum Keilschrifthethitischen.
J. A. K n u d t z o n , Die zwei Arzawa-Briefe. Die ältesten Urkunden in indogermanischer Sprache. Leipzig 1902.
Friedrich Hrozny in den Mitteilungen der Deutschen Orient- gesellschaft Nr. 56 (1915), S. 17 ff.
27
B 0 g h a z k ö i - S t u d i e n. Leipzig.
I. Stück = 1. und 2. Heft. Fr. H r o z n y. Die Sprache der Hethiter, ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indo- germanischen Sprachstamm. Ein Entzifferungsversuch. 1916 und 1917.
Zu diesem Werk und dem vorhergehenden Aufsatz:
Chr. Barth'Olomae in der Wochenschrift fijr klass. Phiiol. 1916, 67 ff. 262.
0. Herbig in der Deutschen Literaturzeit. 1916, 421 ff.
M. L. Wagner im Literaturblatt für german. und roman. Phiiol. 1918, 126 ff.
O. Schroeder in der Deutschen Lit. Ztg. 1918, 679 ff.
P. Jensen in der Theol. Literaturzeit. 1919, 122 f. (dazu die Erwiderung von Hrozny, ebenda S. 186 f.).
C. D. Bück, Hittite an indo-european language? (Class. Philology, XV, 1920, 184 ff. 203 f.)
A. Mein et im Bulletin de la SoC. de Lingu. Nr. 68 (1920), S. 112f.
IL Stück = 3. Heft. Fr. Hrozny, Hethitische Keilschrift- texte aus Boghazköi in Umschrift, mit Übersetzung und Kommentar. 1918. Dazu : F. Bork in der Orientalist. Lit. Zeit. 23, 1920, S. 60.
IIL Stück, 1. Lief. = 4. Heft. Ferdinand Sommer, Hethitisches. 1920.
IIL Stück, 2. Lief. = 5. Heft. Fr. Hrozny, Über die Völker und Sprachen des alten Chatti-Landes. Hethi- tische Könige. 1920. E. F. W e i d n e r , Studien zur hethitischen Sprachwissenschaft I. (Leipziger semitistische Studien VII %). Leipzig 1917. Dazu : Br. Meissner in der Orientalist. Lit. Zeit. 20, 1917,
S. 305 ff. O. Schroeder in der Deutschen Lit. Zeit. 1918, 69 ff. Carl J. S. Marstrander, Caractere indo-europeen de la langue hittite (Videnskapsselskapets Skrifter. IL Hist.-filos. Klasse 1918, Nr. 2). Christiania 1919.
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P. Jensen, Indische Zahlwörter in keilschrifthittitischen Texten. Sitzungsberichte d. preuß. Ak. d. Wiss. 1919, 367 ff.
Emil Forrer, Die 8 Sprachen der Boghazköi-Inschriften. Ebenda S. 1029 ff.
4. Zu den Vokabularen.
Friedrich Delitzsch, Sumerisch-Akkadisch-Hettitische Voka- bularfragmente (Abhandl. d. preuß. Ak. d. Wiss. 1914, 3).
H. FI o 1 m a , Etudes sur les vocabulaires sumeriens-accadiens-hit- tites de Delitzsch (Journ. de la Soc. finno-ougrienne 33). Helsingfors 1916.
G. Fi e m p 1 , Die dreisprachigen Glossen : hittitisch, assyrisch, su- merisch (Amer. Journ. of Arch. 20, 1916, S. 88).
5. Zu den hethitischen Hieroglyphen. P. Jensen, Fiittiter und Armenier. Straßburg 1898.
R. C. Thomson, A new decipherment of the Hittite hieroglyphics. R. C. Thompson, A new decipherment of the Hittite hiero- glyphics. Oxford 1913.
A. E. C 0 w 1 e y , s. oben unter 1 .
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